Warum Rechtschreiben lernen mit der Silbenmethode?


Moderne Silbenschrift
Moderne Silbenschrift

Die Silbenmethode ist keine neue Erfindung. Schon im 16. Jht. wurden Bibeln in Silbenschrift gedruckt - als Lesehilfe. Bis in die Fünfziger Jahre lernten Kinder mit Schulbüchern in Silben-Schreibschrift (zwar alles schwarz gedruckt, jedoch mit 'kleiner Pause' zwischen zwei Silben). Im Zuge der 'Ganzheitlichkeit' kam das Silbenlesen aus der Mode: Wörter sollten nun 'ganzheitlich' gelesen werden. Seit dieser Zeit haben Legasthenie und Lese-Rechtschreib-Schwäche zugenommen.

 

Deutsch ist eine syllabierende Sprache

85% eines Textes lassen sich in die Schublade "Standard" (zweisilbig, trochäisch) einordnen: Interessant für Orthografie und Bedeutungsunterscheidung ist die erste Silbe. Die zweite Silbe kennt Phänomene wie Dehnungs-h oder ie gar nicht und ihr Vokal ist immer 'e'.

  • 1. Silbe ist offen: Wo - ge (der Vokal wir lang gesprochen)
  • 1. Silbe ist geschlossen: Wol -ke oder Wol - le (der Vokal wird kurz gesprochen, im letzteren Fall beginnt die zweite Silbe zufällig so, wie die erste endet, daher das Doppel -l)
  • Für die Dehnung einer geschlossenen Silbe steht das Dehnungs-h oder -e: Wohl, Sohn, Lied

Die Kinder schreiben anfangs mit zwei Stiften, z.B. blau und rot, später schreiben sie einfarbig und setzen nach jeder Silbe nur kurz ab. Lange und schwierige Wörter werden gedanklich unterteilt und lassen keine Angst aufkommen: Spinnennetz.

Gleiches gilt beim Lesen. Viele unserer Materialien sind in Silbenschrift geschrieben. Auch andere Verlage bieten diese Schreibweise an, z. B. die Buchreihe 'Leserabe'.

 

Dehnungs-h und Co, ein Rechtschreibthema

Lernmaterial zum Dehnungs-h
Lernmaterial zum Dehnungs-h

Wann man h oder ie schreibt, hängt von der Bedeutung/ Ableitung ab (vgl. Wal - Wahl oder malen - mahlen) oder ob die zweite Silbe mit l, m, n oder r beginnt. Doch auch hier gibt es (wenige) Ausnahmen: Schule müsste demnach mit h geschrieben werden... Da aber auch vor dem Vokal schon ein h steht, verzichtete man hier darauf, um 'die Wörter schöner zu machen'. Gleiches gilt für Wörter wie Thron oder Tor und Tür, welche man früher mit 'Th' schrieb.

 

"Viele Kinder hören nicht, ob ein Vokal lang oder kurz ist!"

Und das ist für uns Lehrer schwer nachvollziehbar, da unsere Wahrnehmung ja entsprechend geschult ist... Für uns ist der Unterschied doch signifikant. Das muss man doch hören!

So dachte ich auch, bis ich auf einen Künstler traf, der mir auf seiner Palette zwei Oliv-Grüntöne zeigte. Er fragte mich, welcher besser zum Bild passe und ich antwortete: "Beide. Ist doch egal." Und er lächelte mich nur an, denn für ihn lagen Welten dazwischen.

 

Allerdings sagt die Forschung, dass Schüler am Anfang der ersten Klasse die Vokalunterschiede (statt a, e, i, o und u gibt es 19 (!) Vokale, die sich allerdings nur mit den fünf Buchstaben darstellen lassen) zu dreiviertel noch gut unterscheiden. Dass es ihnen jedoch im Laufe des Schuljahres (aus Versehen) "abtrainiert" wird, sodass am Ende von Klasse 1 nur noch ein Viertel der Schüler z.B. den Anlaut von Ente mit kurzem e richtig benennt. 

 

Silbenklatschen macht Spaß!

Das Silbensprechen ist Kindern in die Wiege gelegt. Babys brabbeln 'bababa' und 'dada', Kinderreime, Finger- und Klatschspiele betonen die Silben, in Liedern bekommt jede Silbe einen eigenen Ton... Wörter in Silben zu teilen ist für Kinder leicht. Beim Silbenklatschen von 'kom-men' kann man zwischendurch beliebig lange Denkpausen einlegen (im Gegensatz zum lautierenden 'Wörter dehnen' wie 'kkoooommmmmeeeennn', bei dem zum Wort 'kommen' überhaupt kein Zusammenhang mehr besteht).

Die Schreibung des Doppel-m im Beispiel lässt auch nicht hören, aber ERFÜHLEN. Beim Klatschen und (natürlichem!) Sprechen von 'kom-men' hört man am Ende der ersten Silbe zwar noch kein 'm', jedoch sind die Lippen schon geschlossen, um das 'm' vorzubereiten. Bei 'ka-men' ist dies nicht der Fall.

Bei 'Hüt-te' befindet sich die Zunge schon am Gaumen, bei 'Hü-te' nicht. Begeistern Sie Kinder mit Silbenklatschen, indem Sie auf Kinderwortschatz zurückgreifen: z.B. 'Pup-pe' vs. 'Po-pel'.

 

Und Sandale wird mit 'San' geschrieben...

Ich erinnere mich, dass meine Tochter mit zwei Jahren ihren Willen mit Silbenverstärkung kund tat: "Ich will ei ne To ma te!" Ende drei hieß es wütend in einem Satz: "Ich will keine Schuhe, ich zieh Sandalen an und Sandalen wird mit 'San' geschrieben, hähä!" Mit fünf kannte sie schon viele Großbuchstaben, die sie aber einzeln sprach und nicht zusammenzog, wie ihre gleichaltrige Freundin dies schon tat. Jedes Kind geht seinen eigenen Lernweg. Kinder dabei zu beobachten und zu begleiten ist spannend (und für mich sehr lehrreich). Heute mit bald sieben liest sie schon recht sicher und hat ein gutes Rechtschreibgefühl.

 

Auf den silbenanalytischen Ansatz bin ich vor Jahren bei einem didacta-Besuch gestoßen. Klaus Kuhn, Hauptautor des "ABC der Tiere"-Lehrgangs aus dem Mildenberger Verlag hatte sie wiederentdeckt. Er erklärte mir die deutsche Rechtschreibung anhand der Silbenmethode auf einem DIN A4-Blatt. Ich war von der Einfachheit verblüfft und bin seither 'angesteckt', Feuer und Flamme.