Lesen durch Schreiben - oder umgekehrt?

Wenn Kinder mit zwei, drei Jahren anfangen, in Linien untereinander zu kritzeln, dann ist das für sie "schreiben". Die Erwachsenen machen das ja auch... Erst mit der Zeit nehmen sie wahr, das es beim Gekritzel der Großen Unterschiede gibt. Sie lernen ihren Namen schreiben - als Bild - und dieser geschriebene Name sieht anders aus, als der von Geschwistern oder Freunden. Mit Lesen hat das noch nichts zu tun: Wer LENE schreiben kann, kann noch lange nicht NELE schreiben. Doch mit der Zeit wächst das Interesse an diesen besonderen Zeichen (Ziffern übrigens inbegriffen) und Eltern tun gut daran, die Fragen ihrer Sprösslinge zu beantworten und sie nicht auf die Schule zu vertrösten. Die Kinder haben sich unser Bildungssystem nicht ausgedacht. Sie zeigen Interesse an einer Sache, wenn sie dafür bereit sind, sie zu lernen. Manchmal auch erst mit neun. Oder elf.

 

Lesen- und Schreibenlernen kann parallel stattfinden oder im Wechsel

Ob ein Kind nun eher Schreiben oder Lesen lernt, hängt von seinen Vorerfahrungen und Einflüssen ab. Beides findet in der Regel parallel statt, kann sich gegenseitig bedingen und geschieht "so nebenbei". Mal steht Lesen im Vordergrund, mal Schreiben. Dabei gilt nicht: Wer gut lesen kann, kann auch gut schreiben oder umgekehrt. Bei schwachen Lernern ist meist die Unterrichtsmethode entscheidend - starke Lerner können auch trotz "schlechter" Methode lernen.

 

Lesen lernt man durch lesen. Und Schreiben lernt man durch schreiben - jedenfalls das flüssige Aneinanderreihen von Buchstaben. Kinder sollten möglichst viel frei schreiben dürfen und Erwachsene sollten ihr Bedürfnis nach Korrektur im Zaum halten. Rechtschreibung lernt man nicht an freien Texten, sondern an systematischen Übungen. Aber freie Texte sagen mehr über Rechtschreibkompetenzen aus als Diktate.

Und: Schreibanfänger, die sich das Geschriebene vorlesen lassen, freuen sich riesig, wenn ihr Geschriebenes wirklich gelesen werden kann (sie selbst können es meist noch nicht lesen!).

 

Rechtschreiben lernen leicht gemacht

Die deutsche Sprache hat keine lautgetreue Schrift. Ein Buchstabe bedient verschiedene Laute und mancher Laut bedient sich wiederum mehreren Buchstaben, wenn nicht sogar mehrerer Schreibweisen. Das macht das "Sich-Lesen-und-Rechtschreiben-selbst-beibringen" so schwierig.

 

Aber: Die Orthografie wurde nicht erfunden, um das Schreiben zu erschweren, sondern um das Lesen zu vereinfachen. 85% der Wörter irgendeines Textes lassen sich in die Schublade "Standard" einordnen: Sie sind zweisilbig trochäisch, d. h. die erste Silbe ist betont und bedeutungsunterscheidend (und nur hier findet Orthografie überhaupt statt), die zweite Silbe wird mit "e" geschrieben.

 

Be-sen, Was-ser, Hun-de, Leh-rer, Pu-del, Bie-ne

 

Doppelkonsonanten, Auslautverhärtung, Dehnungs-h, ie,... mit der Silbenmethode gelernt, ist Rechtschreibung kein großes Thema.